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Freitag, 15. Juli 2011, 21:23

Dom zu Köln (Schreiber Bogen 1:300)

Dom zu Köln


Bereits im Jahre 1985 wurde im Rahmen einer unverbindlichen Modellplanung des Hauses J.F.Schreiber
ein Kartonmodell des Kölner Domes diskutiert.
Im Jahre 1986 begannen die ersten Recherchen für eine Modellkonstruktion des Kölner Doms.
Als Liebhaber sakraler, speziell gotischer Architektur, war die Modellentwicklung in zweierlei Hinsicht
eine Herausforderung an meine zeichnerischen Fähigkeiten: erstens sollte ein Modell der Superlative entstehen,
originalgetreu bis ins kleinste Detail gezeichnet und zweitens in der Konstruktion auf wenige räumliche Grundelemente
beschränkt, um auch weniger Geübten ein gelungenes Modeli zu ermög!ichen. Daß dies allen an der Produktion
Beteiligten gelungen ist, beweist die stattliche Zahl von ca 3.000 verkauften Modellen in den ersten zweieinhalb Jahren
seit dem Erscheinen.
Wie nähert sich ein Modellbaubogen-Konstrukteur einem Modell, über dessen endgültige Dimensionen mehr oder
weniger verschwommene Vorstellungen herrschten? Nicht einmal der zeichnerische Aufwand war im entferntesten
abschätzbar, als ich mich 1986 erstmals mit, dem »Vorbild« konfrontierte. Ein karges Zahlen und Geschichtsgerüst
und ein kalter, verregneter Apriltag waren der Anfang - allerdings verkniff man sich natürlich nicht die Turmbesteigung.



Während des Aufstiegs lernt man: Der Kölner Dom, eigentlich St. Peter und Maria, ist eines der bedeutendsten
gotischen Kirchenbauunternehmen. Der Chor und das dreischiffige Querhaus sind nach dem Vorbild der Kathedrale
von Amiens, aber mit fünfschiffigem Langhaus (wie schon der Vorgängerbau aus dem 11 . Jahrhundert) errichtet.
Der Bau wurde im Jahre 1248 von Meister Gerard aus Amiens (bis 1271 ) begonnen und von Meister Arnold
(bis gegen 1300) fortgeführt, der Chor 1322 geweiht. Am Außenbau ist erstmals in Deutschland das offene Strebewerk
voll ausgebildet. Querhaus und Langhaus blieben unvollendet, ebenso die Westfront, seit 1560 ruhten die Arbeiten ganz.

Sie wurden erst 1842 (282 Jahre später) nach den alten Plänen wieder aufgenommen und 1880 vollendet, eine bemerkenswerte
Leistung spätromantischer Denkmalpflege und des Historismus. Die gesamte Bauzeit betrug tatsächlich 632 Jahre und da der
Dom nach den Beschädigungen des zweiten Weltkrieges wiederhergestellt wurde und permamenten Restaurierungsarbeiten
unterliegt, wird er wohl nie ganz fertig – eine der langfristigsten Baustellen der Menschheitsgeschichte.

Von diesem ersten Besuch wurden vor allem die später so wichtigen Kopien der Stiche von Sulpiz Boisserée mitgebracht.
Das Werk Boisserée's gibt einen äußerst detailreichen Einblick in die architektonischen Feinheiten des Doms.
Das verbleibende Jahr 1986 wurde zum Studium verschiedenster Bücher zum Dom genutzt, wobei Fotobände
(siehe Literaturliste am Ende des Artikels) ein hervorragenden »Einstieg« in das Gesamtgefüge ermöglichten.

Im Zusammenhang mit den historischen und architektonischen Abhandlungen fügte sich zum Jahreswechsel 1987
ein erstes Verständnis für das komplexe Großkunstwerk. Der Vergleich von Stichen, Fotos und Plänen, ergänzt mit
zeichnerischen Versuchen gotische Strukturen nachzuempfinden, ermöglichte endgültiges Hineindenken ins Bauwerk.
Seitens J. F.Schreiber kam dann der Auftrag Anfang 1987 und es begann die Phase der grafischen Realisierung.





Die selbstgestellten hohen Anforderungen wurden durch das Nachvollziehen der originalen Bauabfolge noch unterstrichen:
Tatsächlich beginnt der Zusammenbau des Modells mit dem Chor und schreitet über die Unter- und Obergeschosse
des Lang- und Querhauses bis hin zu den Westtürmen und dem Vierungsreiter fort. Die den gotischen Stil wesentlich
mitprägenden »inneren« Strukturen des Doms sollten und konnten natürlich im Modell nicht gezeigt werden – die Gründe
hierfür liegen auf der Hand. Durch die grundsätzlich verstandene Art und Weise des Dom Aufbaus gestaltete sich die
Konstruktion der Abwicklungen relativ unkompliziert; das Modell wächst sozusagen aus einem inneren, »glatten« Kern
nach außen, wobei die »zerklüfteten« Strukturen durch daran- und davorgestellte Kulissen nachgebildet werden.

Durch viele Versuche wurde gefunden, dass ein sehr günstiger Maßstab, in dem die Original Konstruktion dann angelegt
wurde, 1:200 war. In dieser Größe ließ sich die konstruktive und dekorative Gotik in korrekten Proportionen bei
vertretbarem zeichnerischem Aufwand in die Umrißkonstruktion integrieren. Leicht überzogene Schattendarstellung
und in Ausnahmefällen gezieltes Zurücknehmen der Darstellungsvielfalt ermöglichten letztlich das sehr realistische
und plastische Ergebnis. Dummerweise saß auch hier der Teufel im Detail: Die meisterhaften Stiche von Sulpiz Boisserée
sind nicht immer identisch mit der Wirklichkeit, war doch sein Werk in erster Linie als »Public Relation« Maßnahme
für den Weiterbau des Doms in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts entstanden. Und nach diesen Stichen wurde eben
beim Bau nicht immer, oder doch verändert, vorgegangen. Solche Sachverhalte lassen sich nur entdecken, wenn jeder
Vierpaß und jedes Dreiblatt, jede Krabbe usw. usw. auf Position und Aussehen überprüft wird.

Alles in allem erschien mir die »Übersetzung« des Originals in ein Kartonmodell gelungen. Der konstruktiv sorgfältigen
Gestaltung des Modell-Innenlebens wurde besondere Aufmerksamkeit zuteil. Auf zu verstärkende Teile wurde völlig
verzichtet. Statische Stabilität wurde prinzipiell durch die Wandkonstruktionen erzielt, die im nicht-sichtbaren Bereich
so »leergeräumt« wurden, daß zusammen mit den Öffnungen in den Grundplatten komfortable Zugangsmöglichkeiten
ins Innere bei gleichzeitiger höchstmöglicher Gesamtstabilität entstanden.






Das parallel zur Konstruktion entstehende Prüfmodell wuchs weiter und weiter, erste Detailverkleinerungen der
Konturenzeichnungen auf den Maßstab 1:300 bestätigten außerdem die korrekte Wahl der Strichstärke.
Das Risiko späterer, aufwendiger (und dann teurer) Korrekturen wurde dadurch minimiert, daß jedes Konstruktionselement
vor der grafischen Ausgestaltung auf Originalkarton kopiert und gebaut wurde. Logischerweise wurde auch das zu
jener Zeit verfügbare Modellprojekt des TaschenVerlages mit in das aufwendigen Kontroll- und Prüfverfahren
einbezogen; nicht zuletzt um die an jenem Modell festgestellten (teilweise erschreckenden) Versäumnisse zu
konkretisieren und ähnliche Irrtümer am eigenen Modell zu vermeiden.

Je mehr das Modell des Doms in Länge, Breite und Höhe wuchs, umso sorgenvoller heftete sich der Blick des Konstrukteurs
immer häufiger auf den Kalender und die wachsende Zahl der vor-montierten Bogen. Ursprünglich einmal auf sechzehn
Bogen konzipiert, waren bereits zwölf Bogen gefüllt und noch kein Westturm – geschweige denn Teile des Strebewerks – waren verfügbar.
Da aber diese zwölf Bogen bereits in einem entsprechenden Stadium waren, entschloß man sich, bereits in die Farbgebung
und Lithographie »einzusteigen«. Dies bedeutete: »vorne« konstruieren und gestalten und »hinten« colorieren, lithographieren
und andrucken. Nur am Rande sei dabei erwähnt, daß die angelegten Farbmuster mit dem Original abgeglichen wurden wobei
natürlich ein Kompromiß zu finden war, denn den Luxus, z.B. die »Wetterseite« etwas grünlicher zu gestalten als die den
Witterungseinflüssen abgewandten Seiten, hat man sich letztendlich nicht geleistet. Denn von Terminen redete zudem Zeitpunkt
sowieso nur noch der Auftraggeber.





Die sich im Sommer 1987 abzeichnenden privaten Veränderungen verursachten eine beinahe viermonatige Pause bei den Konstruktions-
arbeiten, die im Winter 87 in sehr verringertem Umfang wieder aufgenommen werden konnten. Trotzdem gelang es, für die Nürnberger
Spielwarenmesse in Februar 1988 ein Ausstellungs und Fotografiermodell bereitzustellen. Die positive Resonanz dieses erstmals
der Öffentlichkeit vorgestellten Karton Modells erzwangen nun einen möglichst raschen Abschluß der Arbeiten am Modell.

Im März 88 waren dann alle im voraus kalkulierten sechzehn Bogen »gefüllt«, coloriert, lithographiert und angedruckt. Das Strebewerk
fehlte immer noch (für das Messemodell war das Strebewerk aus einem Pfeiler und einem Strebe Bogen in mehrfacher Ausführung
improvisiert worden) und wurde nun auf weiteren fünf Bogen plaziert. Ein gewaltiger Endspurt. Zuletzt waren noch schwarze und
rote Bezifferung sowie die Montageskizzen anzufertigen. Als letzte Vorbereitung für den Auflagendruck war noch die Definition der
grauen Flächen für die Rückseiten zu erledigen.

Am 31.5.1988 konnten nach achtzehnmonatigerArbeit die letzten Druckunterlagen übergeben werden. Die auf 21 gestiegene Bogenzahl
war der Grund, das Modell als eine Art »Buch« zu konfektionieren. Als "Extra" gibt's eine historisch nachempfundene Zeichnung mit
Details des Domes, auf deren Rückseite sind als Unterstützung für den Modellbauer alle Grundrisse abgedruckt. Sämtliche perspektivischen
Montagezeichungen ermöglichen einen problemlosen Zusammenbau des Modells – allerdings sind 751 Teile kein Pappenstiel, daher
ist auch eine Schritt-für-Schritt Bauanleitung erhältlich, die ich in privater Initiative seit 1989 anbiete.

Abseits dieser eher etwas nüchternen Betrachtungsweise hat eine solche Arbeit natürlicherweise Nebeneffekte, die sich rationaler
Betrachtung entziehen. Am bedeutendsten ist wohl das immer weiter Hinausschieben der Grenzen eigener Fähigkeiten. Und als
technischer Grafiker, mit dem Thema auch emotional sehr verbunden, hätte ich mir eine Fortsetzung meiner Arbeit mit ähnlichen
Ansprüchen vorgestellt. Abhängig von Aufträgen der Verleger war das seinerzeit nicht darstellbar, sodaß ich mich schon einige Zeit
frage: Kölner Dom ... und was nun?
(Diese hypothetische Frage wurde mit Schloss Linderhof / AKW Olkiluoto III + St. Lorenz beantwortet)

Thomas Pleiner - September 1991


Nachstenhend einige Fotos aus dem Gestaltungsprozess: (© 1987-1988 thomas pleiner)





































Einen Fotoartikel zum Bau dieses Modells hat John Madill in beeindruckender Weise
hier: http://www.kartonist.de/wbb2/thread.php?threadid=4532 abgeliefert.

Eine von mir verfasste schriftliche Bauanleitung gibt es als Anhang . . .

Thomas Pleiner - mtp-studio

Literaturliste:

Abbildung auf der Titelseite der Bauanleitung:
Kölner Dom, Westfassade, Mittelfenster
(N.X. Willemin, Monuments Français inedits. Paris 1809—39)

Schulten, Walter DER DOM ZU KÖLN
1977 Greven Verlag Köln ISBN 3774301417
Klein, Adolf DER DOM ZU KÖLN
1980 Wienand Verlag Köln ISBN 3879090947

Kralisch/Ronte/Wolff DOMLANDSCHAFTEN
1980 Wienand Verlag Köln ISBN 3879090971

Clemen, Paul DER DOM ZU CÖLN
Düsseldorf 1937

Boisserée, Sulpiz ANSICHTEN, RISSE UND EINZELNE
THEILE DES DOMES VON KÖLN
Stuttgart 1822, 2.Aufl. München 1842

Wallner, Michael DOME IN DEUTSCHLAND
1980 Omnibus Verlag, Wien

Niedermeyer, Gerhard DEUTSCHE DOME
1941 Tazzelwurm-Verlag, Stuttgart

Pijoan, José DIE FRÜHCHRISTLICHE KUNST
1979 Grammont-Verlag, Lausanne ISBN 2827005425

Koch, Wilfried STILKUNDE DER BAUKUNST
1967 Mosaik Verlag München ISBN 3570030377

Rüdiger, Wilhelm DIE GOTISCHE KATHERALE
1979 DuMont Buchverlag Köln ISBN 3-7701-1095-1 1

Binder, Günther MASSWERK
1989 Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt
ISBN 3-534-01582-7

Behling, Lottlisa : Gestalt und Geschichte des Maßwerks
Niemeyer - Halle/Saale - 1944 (2. Auflage 1977)

(Downloads bis 2017-03-21 = ca. 3.200)
»Thomas Pleiner« hat folgende Datei angehängt:
  • KLNDOM.PDF (162,96 kB - 554 mal heruntergeladen - zuletzt: Heute, 18:27)
http://www.mtp-studio.de © 1975-2018 Thomas Pleiner - Alle Rechte vorbehalten • Dies ist eine redaktionelle Veröffentlichung im Sinne des UrhR. Speichern, Kopieren und elektronisches Verbreiten ist nicht gestattet.