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Freitag, 17. Februar 2017, 23:14

Zur Geschichte des Kartonmodellbaus, Heft 16 »Das Olympische Dorf 1936«

Zur Geschichte des Kartonmodellbaus, Heft 16

In dem neuen Heft geht es um Modellbaubogen vom Olympischen Dorf 1936, um Prospekte und Kataloge von Modellbaubogen,
um die Borgward Isabella und Verlage aus den USA und Spanien.

Aus dem Inhalt: Werbung und Verlagskataloge als Quellen zur Geschichte des Kartonmodellbaus –
Vorstellung des Modellbaubogens „Das olympische Dorf 1936“ –
Bericht über ein Modell der Borgward „Isabella“ Hansa 1500 –
Überblick über den Kartonmodellbau in den USA –
Vorstellung des spanischen Modellbauverlags Editorial Hernando –
Modellbogen-Beilage: Unterseebootes U9.
Herausgegeben vom Arbeitskreis Geschichte des
Kartonmodellbaus (AGK) e.V., 64 S., kartoniert, durchgehend farbig,
Format: DIN A4. 12,80 €.

Texte & Foto © 2017 Schreiber Bogen / Aue Verlag


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Es seien mir dazu ein paar persönliche Anmerkungen gestattet:


Betrifft Artikel über den Modellbogen »Das Olympische Dorf 1936« (Verfasser D. Nievergelt)

Ich weiß natürlich, wie schwer der sorgsame und objektive Umgang mit historisch doch eher negativ belasteten »Vorbildern« ist - und dass man es meist falsch macht - egal, wie man es macht. So empfinde ich den Artikel im AGK-Heft 16 zu diesem Modell als durchaus objektiv und er dürfte auch in der Sache im wesentlichen korrekt sein.
Mir persönlich fehlt jedoch darin eine gewisse, klar erkennbare kritische Distanz zum Thema »Olympische Spiele / Olympisches Dorf 1936« zur Zeit des NS-Regimes in Deutschland.
Zwar wurde DIESE Olympiade noch zu Zeiten der Weimarer Republik, also in einem halbwegs demokratischen Umfeld, nach Berlin vergeben; aber völlig unzweifelhaft hat das NS-Regime (wie vieles andere auch) sich dieses Sportereignisses zu Propagandazwecken »bemächtigt«. Wortwahl und Duktus des Zitates »Der Zweck des olympischen Dorfes ...« belegen das zweifelsfrei.
Obendrein ist der propagandistische Mißbrauch der 1936er Olympiade mittlerweile Bestandteil historischen Allgemeinwissens. Die Anmerkung des Autors »... bereits bei Planung war klar, dass das Olympische Dorf anschließend als Kaserne und Lazarett der Wehrmacht genutzt werden sollte...« geht mir dann auch nicht weit genug. Zum Beispiel hätte erwähnt werden können, dass die Gebäude zur Erfüllung eben dieses Zweckes in besonders massiver Bauweise errichtet wurden, oder dass später (u.a.) die am Angriff auf Polen beteiligte 218. Infanteriedivision dort stationiert war.
Als Bauträger werden im Artikel Reichswehrministerium und Reichskriegsministerium zitiert - letztlich ohne nähere Gewichtung dieses Umstandes. Hätte nicht ein Satz Platz gehabt, in dem Planung und Bau des Olympischen Dorfes in der Zeit nach 1933 als DAS beschrieben wird, was es war: Als Teil der Vorbereitung eines Angriffskrieges? (mit den daraus resultierenden Kriegsverbrechen und letztlich auch des Holocaustes?)
Dass sich das olymische Dorf »wohltuend von anderen Bauten des NS-Regimes« unterschied ist nach meiner Auffassung nicht genug Distanzierung - denn eben SOLCHE Adaptionen waren ja eines der Werkzeuge der faschistischen Propaganda: ALLES das zu instrumentalisieren, was für das Erreichen der verbrecherischen Ziele des NS-Regimes zielführend zu sein schien. ... das hätte man vielleicht etwas deutlicher herausarbeiten können ...
Der Verweis auf die »neue Sachlichkeit« und die Nennung von Walter Adolf Georg Gropius auf Seite 12 impliziert, dass das 1936er Olympische Dorf eine gewisse Nähe zum BAUHAUS und der dort gepflegten Ideenwelt der Avantgarde hätte - hat es aber nicht. Denn einerseits emigrierte Gropius schon 1934 nach England - und andererseits: die Nazis schlossen das Bauhaus bereits 1933.
Der Architekt Werner March dagegen trat 1933 der der NSDAP bei und wurde Mitglied im Organisationskomitee für die Olympischen Spiele 1936 in Berlin. Dies als aktive Teilnahme an der NS-Propagandamaschine zur werten ist sicher nicht abwegig. Obendrein gilt »sein« Berliner Olympiastadion als eines der Beispiele, die immer zitiert werden, wenn es NS-Architektur zu illustrieren gilt. (Dass Werner March nach 1945 - wie viele andere Alt-Nazis auch - während der Adenauer-Ära zu neuem Ruhm und Ehren kam, war in der BRD ohnehin keine Ausnahme. So etwas war eher die Regel).
Natürlich erkenne ich die grundsätzliche Problematik, die sich mit solchen Dingen verbindet. Denn unter einem bestimmten Blickwinkel würde sich auch die Darstellung jeglicher skaraler Architektur als Modellbogen verbieten - angesichts der Ströme von Blut, Mord und Folter die alle Religionen in Europa seit mindestens 2.000 Jahren hinter sich her ziehen ... Das immerwährende und unauflösliche Dilemma, dass jeder Sache und jedem Menschen sowohl Gutes als auch Böses innewohnt...
TROTZDEM hätte ich es für ein Zeichen von Sensibilität gehalten, auf dem Titelbild der aktuellen Publikation des AGK eben KEINE Maschine abzubilden, die AUSSCHLIESSLICH zum Zwecke der Vernichtung und Tötung erdacht wurde.

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